Wie alltagstauglich sind elektrische Linienbusse wirklich? Diese Frage hat sich die Bürger-Energiegenossenschaft Lage bei einem Besuch beim Reisedienst Motzek beantworten lassen – mit einem klaren Ergebnis: Die Reichweiten reichen, Fahrerinnen, Fahrer und Fahrgäste sind begeistert, und die Betriebskosten können mit Diesel mithalten oder liegen sogar darunter.

Auf Einladung der Bürger-Energiegenossenschaft Lage fanden sich interessierte Bürgerinnen und Bürger beim Busunternehmen Motzek ein, um sich die neue Ladestation und die Elektrobusse aus der Nähe anzusehen. Herr Motzek und Thomas Brosig (Projektleiter KVG Lippe) lieferten umfangreiche Informationen zum Projekt. Das kalte und nasse Wetter hielt die Teilnehmenden nicht davon ab, zahlreiche Fragen zu stellen.

Das Fazit der Beteiligten fällt positiv aus: Die geplanten Reichweiten werden erreicht und oft sogar übertroffen. Technische Probleme traten bisher nicht auf. Die Fahrer und die Fahrgäste sind mit den Bussen zufrieden. Die Betriebskosten sind vergleichbar oder niedriger, als für Dieselfahrzeuge. Bei den aktuell gestiegenen Dieselpreisen spielt sich der Vorteil noch weiter aus.

Elektrifizierung der Buslinien in Lippe

Nach Beschluss des Kreistages hat die KVG Lippe die Initiative ergriffen, den Linienbusverkehr in den Linienbündeln 1 und 5 auf Elektrofahrzeuge umzustellen. Am 2. Juli 2025 wurde der erste von 39 E-Bussen vorgestellt. Die Fahrzeuge wurden nach und nach in Betrieb genommen; seit dem Jahreswechsel läuft das Projekt unter Volllast.

Das gesamte Investitionsvolumen beträgt 32,1 Millionen Euro (netto), wovon 14,7 Millionen Euro an Fördermitteln von Bund und Land NRW kommen. Neben dem Klimaschutz war ein Hauptmotiv, für die kleinen und mittleren Unternehmen, die den Busverkehr in Lippe abwickeln, faire Wettbewerbsbedingungen zu ermöglichen. – Linienverkehrsleistungen werden nur für begrenzte Zeiträume ausgeschrieben und beauftragt – die Unternehmen haben also keine langfristige Planungssicherheit und können das Risiko umfangreicher Investitionen nicht allein tragen.

Gleichzeitig gibt der rechtliche Rahmen das Tempo vor: Ab 2026 müssen bei neuen Verkehrsverträgen 65 Prozent der beschafften Busse emissionsarm oder -frei sein, ab 2030 steigt die Quote weiter.

Damit ein solches Vorhaben gelingen kann, müssen viele Aspekte zusammenpassen – von Förderbedingungen über Ausschreibungen für Busse und Infrastruktur bis hin zum Stromeinkauf. Diese Planungstiefe kann in kleineren Betrieben nicht „vom Chef nebenbei“ erledigt werden. Deshalb hat die KVG Lippe diese Aufgaben gebündelt übernommen. Busse und Ladestationen werden den Unternehmen von der KVG gegen Entgelt zur Verfügung gestellt. Thomas Brosig betonte die gute Zusammenarbeit zwischen den vielen Beteiligten, die die zügige Umsetzung ohne Verzögerungen möglich gemacht hat. Inzwischen fragen zahlreiche Kreise und Städte an, um von den lippischen Erfahrungen zu profitieren.

Die Ladestationen

Neben den 39 Bussen und deren Wartung wurden sechs Ladeparks gebaut, verteilt auf die Einsatzgebiete in Lippe. Zwei davon stehen in Lage – auf den Betriebshöfen der Busunternehmen Motzek und Wellhausen. Passende Grundstücke für Ladestationen zu finden ist nicht trivial; die KVG ist deshalb froh über die Bereitschaft der Busunternehmer, Flächen zur Verfügung zu stellen. Die Infrastruktur wird auch von weiteren Anbietern mitgenutzt, zum Beispiel von der BVO.

Die sechs Stationen schlugen mit rund 5 Millionen Euro zu Buche. Die Planung lag rund 18 Monate in den Händen des Büros Alberts Architekten; nach europaweiter Ausschreibung erhielt Westfalen Weser Ladetechnik im November 2024 den Auftrag für die technischen Komponenten und im April 2025 für die Bauleistungen. Zu jedem Ladepark gehört auch eine eigene Trafostation.

Die eigentlichen Ladesäulen kommen vom finnischen Hersteller Kempower und fallen durch ihre besonders schlanke Bauweise auf. Die Ladestation bei Motzek umfasst 12 Ladepunkte mit je bis zu 150 kW Ladeleistung, bei Wellhausen entstehen sechs weitere. Rein rechnerisch könnte der Park damit bis zu 1,2 MW abrufen – in der Praxis wird an den zwölf Ladepunkten aber selten gleichzeitig mit voller Leistung geladen. Ein intelligentes Lastmanagement verteilt die Leistung über die Fahrzeuge und die verfügbare Zeit.

Denn geladen wird überwiegend nachts im Depot, meistens in einem Zeitfenster von etwa 0 bis 4 Uhr – weshalb ein Ladevorgang in der Regel einige Stunden dauert. Volle Schnellladeleistung wird selten gebraucht.

Einer der E-Busse am Busbahnhof-Lage

Die E-Busse

Bei den Fahrzeugen handelt es sich um den Mercedes-Benz eCitaro. Die Reichweite liegt bei rund 400 Kilometern und reicht damit im Regelfall bequem für den Tageseinsatz. Im Winter ist die Reichweite geringer, vor allem wegen der Heizung; in diesen Fällen wird zur Sicherheit ein zusätzlicher Ladevorgang tagsüber eingeplant. Geheizt wird stromsparend über eine Wärmepumpe.

Selbstverständlich verfügen die Fahrzeuge über Rekuperation, also Energierückgewinnung beim Bremsen. Wie wirkungsvoll das sein kann, zeigte sich eindrucksvoll, als die Busse im Shuttle-Verkehr bei einer Veranstaltung am Hermannsdenkmal im Einsatz waren.

Der Verbrauch schwankt stark zwischen Sommer und Winter: An kalten Tagen können es auch einmal über 150 kWh pro 100 Kilometer sein, im Jahresmittel liegt der Wert aber um die 100 kWh pro 100 Kilometer – der Langzeiteinsatz wird es zeigen. Übrigens haben die Fahrerinnen und Fahrer daraus einen kleinen internen Wettstreit gemacht: Wer schafft es, mit dem geringsten Verbrauch durch die Schicht zu kommen? Die Wartung übernimmt eine spezialisierte Werkstatt in der Nähe; dank eines umfassenden Wartungsvertrags ist dies für die Unternehmen organisatorisch kein Problem.

Moderne Dieselbusse sind leistungsstark motorisiert – die E-Busse stehen dem in nichts nach. Im Gegenteil: Ihr Drehmoment liegt vom ersten Augenblick an, sie beschleunigen deshalb noch schneller. In brenzligen Verkehrssituationen kann das ein Sicherheitsgewinn sein. Im Alltagsbetrieb müssen die Unternehmen ihre Fahrerinnen und Fahrer dagegen eher zur Zurückhaltung anhalten, damit die Fahrt für die Fahrgäste angenehm bleibt.

Strom

Den Strom liefern die Stadtwerke Lemgo nach einer entsprechenden Ausschreibung. Die Ladeparks sind ans Mittelspannungsnetz angeschlossen. Abgerechnet wird auf Basis des Börsenstrompreises, der sich alle 15 Minuten ändern kann. Der Stromeinkauf ist dementsprechend komplex – und die Ladevorgänge werden zeitlich optimiert. Geladen wird beispielsweise nicht abends, wenn der Strom in der Regel teuer ist, sondern nach Mitternacht. Ob die Betriebskosten niedrig ausfallen, hängt also wesentlich von einem guten Strommanagement ab. Im Schnitt kostet derzeit die Kilowattstunde 22 Cent, davon entfallen allein 13 Cent auf Netzentgelte und Umlagen. Im Jahresverlauf wird sich dieser Preis noch auf unter 20 Cent pro kWh verringern.

Wie geht es weiter?

In wenigen Jahren dürften sich Technik und Kostenstruktur so weiterentwickelt haben, dass E-Busse auch ohne Förderung kostendeckend betrieben werden können. Vor Ort ist ein mögliches Szenario, den Strom künftig selbst zu erzeugen – etwa über Photovoltaik auf den Betriebshallen oder per Direktleitung von Erzeugern in der Umgebung. Auch stationäre Batteriespeicher könnten ins Spiel kommen.

Die nächsten Entwicklungen in der E-Mobilität zeichnen sich ebenfalls schon ab: Für E-LKW gibt es in lippischen Speditionen bereits erste Beispiele. Danach werden die Reisebusse folgen.

Insgesamt ein tolles Vorreiter-Projekt vom Kreis Lippe – das ist nicht selbstverständlich und zeigt: Die Elektrifizierung kann in allen Bereichen gelingen. Ein weiterer wichtiger Schritt, um sich vom Import fossiler Energien unabhängiger zu machen.